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Prostatakrebs Früherkennung und Tastuntersuchung

Krebs 4 Min. Lesezeit 02. Dez 2025

Prostatakrebs Früherkennung und Tastuntersuchung

Prostatakrebs-Früherkennung

PSA, Tastuntersuchung, Ultraschall – was die Leitlinien sagen, was sie nicht sagen, und wie Sie individuell entscheiden können

Warum ich diesen Artikel schreibe

Prostatakrebs ist eines der Themen, die mich schon lange in der Praxis beschäftigen – und das unsere Patienten zurecht interessiert.

In letzter Zeit kommen viele mit Fragen zu aktuellen Medienberichten: „Stimmt es, dass die Tastuntersuchung nichts bringt?" „Reicht PSA allein?" „Was soll ich jetzt machen?"

Dieser Artikel ist meine ehrliche Einordnung. Keine Panikmache, keine Verharmlosung. Die Zahlen, die Wahrscheinlichkeiten, die Risiken – und warum ich die aktuelle öffentliche Kommunikation für problematisch halte.

Die Zahlen: Was Sie wissen sollten

In Deutschland werden jährlich etwa 79.000 Männer neu mit Prostatakrebs diagnostiziert – über 200 pro Tag. Es ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern.

Die jährliche Wahrscheinlichkeit einer Neudiagnose liegt im Durchschnitt bei 0,3–0,4 %. Das klingt nach wenig – und für die meisten ist es das auch. Aber diese Zahl ist ein Durchschnitt. Das tatsächliche Risiko hängt stark vom Alter ab:

Alter Risiko pro Jahr
Unter 50 0,02–0,05 %
50–60 0,1–0,2 %
65–70 0,9–1 %
75–80 1,5–2 %+

Das Lebenszeitrisiko summiert sich auf 12–13 % – etwa jeder 7. bis 8. Mann erkrankt irgendwann. Die gute Nachricht: Die meisten Tumore wachsen langsam, die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei über 90 %.

Risikofaktoren: Worauf es wirklich ankommt

Alter ist der mit Abstand stärkste Faktor. Punkt.

Familiäre Belastung (Vater oder Bruder betroffen) erhöht das Risiko um das 2- bis 4-Fache – aber das betrifft nur 10–15 % aller Fälle. Die große Mehrheit ist sporadisch: eine Mischung aus Genetik, Epigenetik, Lebensstil, Entzündungen.

Was ich in meiner Praxis immer mal wieder sehe: Relevante Tumore (Gleason ≥7) bei Männern mit völlig normalem PSA-Wert. Ohne familiäre Belastung. Das zeigt: Wir dürfen uns nicht auf „Risikogruppen" beschränken.

Wie Tests Ihr persönliches Risiko verändern

Ihr Basisrisiko ist niedrig. Aber jede neue Information verändert die Wahrscheinlichkeit – das ist das Bayes-Theorem in der Praxis:

PSA-Test

Der Goldstandard. Ein Bluttest, der die meisten Fälle erkennt und in der Früherkennung nicht fehlen darf.

Tastuntersuchung (DRE)

Bei auffälligem Befund steigt die Wahrscheinlichkeit für einen tatsächlichen Tumor auf 20–50 %.

Transrektaler Ultraschall (TRUS)

Zeigt Volumen, Knoten, ermöglicht die Berechnung der PSA-Dichte – besonders wertvoll in Kombination.

Ein Beispiel: Bei PSA 1–2,5 ng/ml und auffälliger Tastuntersuchung liegt die Trefferwahrscheinlichkeit bei etwa 14 %. Ohne die Tastuntersuchung hätten Sie diese Information nicht.

Eine Geschichte aus der Praxis

Vor zwei Wochen kam ein 63-jähriger Patient zu uns. PSA-Wert: 1,6 ng/ml – völlig unauffällig. Seine Hausärztin hatte ihm gesagt: „Das brauchen Sie nicht, zum Urologen zu gehen. Ich fresse einen Besen, wenn Sie Prostatakrebs haben."

Bei uns war die Tastuntersuchung auffällig. Der Ultraschall auch. Das MRT zeigte PIRADS 4. Die Biopsie: Gleason 7a – ein klinisch signifikanter Tumor.

Der Patient ging später zurück zu seiner Hausärztin, legte den Befund auf den Tisch und sagte: „Hier ist Ihr Besen."

Das ist kein Einzelfall. Ein normaler PSA-Wert schließt einen relevanten Tumor nicht aus. Genau hier kann die Kombination aus Tastung und Ultraschall den entscheidenden Hinweis geben.

Was die Leitlinie sagt – und was sie nicht sagt

Die S3-Leitlinie Prostatakarzinom (Version 8.0, Juli 2025) ist eindeutig: „Zur Früherkennung soll keine digitale rektale Untersuchung erfolgen."

Das ist evidenzbasiert. Die PROBASE-Studie zeigt: Die Tastuntersuchung allein bringt wenig, produziert viele falsch-positive Befunde, führt zu unnötigen Biopsien. Das Ziel der Leitlinie: Weniger Schaden auf Bevölkerungsebene, mehr Fokus auf PSA + MRT.

„Aber: Das ist eine Empfehlung für Populationen. Nicht für Einzelfälle."

Im Einzelfall – bei Ihnen in der Praxis – zählt Ihr persönliches Risiko, Ihr Wunsch, Ihr Kontext. Viele unserer Longevity-Patienten wollen maximal vorsorgen. Eine Tastuntersuchung plus Ultraschall ist kostengünstig, minimal unangenehm (bei guter Technik vor allem Kopfsache) und liefert zusätzliche Informationen.

Shared Decision Making ist hier entscheidend: Wir besprechen die Optionen, Sie entscheiden.

Die seltenen, aber gefährlichen Varianten

In Debatten hört man oft: „Tasten bringt nichts." Das stimmt – für die Mehrheit der Fälle.

Aber es gibt Ausnahmen. Nicht nur wie das oben stehende Beispiel zeigt. Sogenannte neuroendokrine Karzinome (NEPC) sind selten (unter 1-2 %), aber hochaggressiv und oft tödlich. Das Problem: Sie sind häufig PSA-negativ oder PSA-arm. Der PSA-Test verpasst sie. Eine Tastuntersuchung oder ein Ultraschall könnte den entscheidenden Hinweis geben – einen tastbaren Knoten.

Statistisch rar. Aber für den Einzelnen, der betroffen ist, zählt es 100 %.

Das eigentliche Problem: Absolutismus in der Kommunikation

Die Botschaft „Tastuntersuchung bringt nichts" klingt absolut. So landet sie in den Medien, so kommt sie bei den Menschen an.

Das Ergebnis: Verunsicherung. Und paradoxerweise hält es genau die Männer ab, die sonst diese Untersuchung hätten machen lassen.

In unserer Praxis im Longevity Office sehen wir hochmotivierte Patienten. Sie scheuen keine rektale Untersuchung, wenn es um Prävention geht. Aber wenn sie hören „unnötig", denken viele: „Dann lass ich's ganz sein."

Das ist kontraproduktiv. Die absolute Botschaft schadet mehr, als sie schützt.

Wie ich es kommuniziere

Meine Empfehlung an Patienten:

„PSA ist heute der Standard und wird allen Männern ab 45/50 nach Beratung empfohlen – das deckt die meisten Fälle ab. Wer mehr Sicherheit möchte, kann zusätzlich Tastuntersuchung und Ultraschall machen. In einigen Fällen, zum Beispiel wenn der PSA-Wert unter 1 ng/ml liegt, bringt das keinen großen Mehrwert. Aber in einzelnen Situationen erkennt es Tumore, die PSA allein verpasst – und hilft bei gutartigen Problemen wie Vergrößerung. Wir besprechen zusammen, was für Sie passt."

Das ist transparent. Das vermeidet Verwirrung. Das respektiert den Wunsch nach maximaler Vorsorge.

Fazit

Prostatakrebs ist häufig, aber meist gut behandelbar – wenn früh erkannt. Der PSA-Test ist heute Standard und ein guter Einstieg. Aber er ist leider nicht perfekt.

Für Männer, die maximal vorsorgen wollen, bieten ergänzende Untersuchungen einen Mehrwert – in ausgewählten Situationen. Die Entscheidung liegt bei Ihnen, nach individueller Beratung.

„In unserer Longevity-Praxis bieten wir genau diese personalisierte Herangehensweise: PSA als Basis, ergänzende Untersuchungen bei Wunsch, und eine ehrliche Einordnung, was für Sie persönlich sinnvoll ist."

Dr. med. Mario Domeyer

Longevity Office

Facharzt, Fellow of the European Board of Urology

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